Sendung 23: Inklusion in der Schule

Die Interviewpartner als Portraitfotos. Von links nach rechts: Tobias Buchner, Sonja Hammerschmid, Andrea RiegerIn dieser Sendung beschäftigt sich barrierefrei aufgerollt mit dem Thema der schulischen Inklusion und befragt dazu Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und Schule.

Laut Artikel 24 der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen haben Menschen mit Behinderungen das Recht auf Bildung und lebenslanges Lernen in einem Bildungssystem, das auf allen Ebenen inklusiv ist.

Was bedeutet Inklusion in der Schule eigentlich? Was unterscheidet Inklusion von Integration? Und wie sieht es mit der Umsetzung von Inklusion in der Schule in Österreich aus?

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Diese Sendung wird auf Radio Orange 94.0 am 5. Mai 2019 um 10:30 Uhr gesendet. Die Sendung kann auch auf o94.at live gehört werden. Am 19. Mai 2019 um 10:30 Uhr wird die Sendung auf Radio Orange 94.0 wiederholt.

Die Sendung zum Nachlesen

[Musik mit Text: barrierefrei aufgerollt – kurz, kompakt und leicht verständlich]

Katharina Müllebner: Herzlich Willkommen bei der heutigen Sendung von barrierefrei aufgerollt von BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben. Am Mikrofon begrüßt Sie Katharina Müllebner.

Laut Artikel 24 der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen haben Menschen mit Behinderungen das Recht auf Bildung und lebenslanges Lernen in einem Bildungssystem, das auf allen Ebenen inklusiv ist.

Doch wie sieht es mit der Umsetzung eines solchen Bildungssystems hier in Österreich eigentlich aus? Ein Bericht des Rechnungshofes, welcher dem inklusiven Unterricht in Österreich ein schlechtes Zeugnis ausstellt und das aktuelle Regierungsprogramm, das sich eindeutig für den Erhalt von Sonderschulen ausspricht, lassen Zweifel darüber aufkommen, wie es in Österreich um die Umsetzung eines inklusiven Schulsystems bestellt ist.

Wir von barrierefrei- aufgerollt wollten es genau wissen und haben Expertinnen und Experten zu diesem Thema befragt.

„Inklusion in der Schule“ so das Thema unserer heutigen Sendung. Sie hören diese Sendung auf Radio Orange 94.0.

[Überleitungsmusik]

Katharina Müllebner: Tobias Buchner ist Bildungswissenschaftler mit den Schwerpunkten Biographieforschung und inklusive Bildung an der Universität Wien.

Katharina Müllebner: Herr Buchner, was heißt inklusive Bildung für Sie?

Tobias Buchner: Inklusive Bildung bedeutet für mich, dass jedes Kind an einer wohnortnahen Schule, also in der Nachbarschaft unmittelbar dort oder in der Nähe, wo es lebt und aufwächst, dass es dort zur Schule gehen kann und unterrichtet wird, dass es im Unterricht individuell gefördert wird, was seinen Bedürfnissen und Interessen entsprechen sollte.

Inklusion oder inklusive Bildung bedeutet für mich auch zunächst, dass das es natürlich keinen Ausschluss bedeutet, sondern dass Kinder quasi von Anfang an in das Bildungssystem inkludiert sind.

Katharina Müllebner: Welche Vorteile hat es für Schülerinnen und Schüler egal jetzt ob mit oder ohne Behinderung in einer Regelschule zusammen unterrichtet zu werden?

Tobias Buchner: Welche Vorteile das hat, also ich beziehe mich da jetzt mal auf Interviews, die ich mit ehemaligen oder aktuellen SchülerInnen mit Behinderungen geführt habe.

Also bei ehemaligen SchülerInnen mit Behinderungen sieht man sehr, sehr häufig, dass SchülerInnen in Regelschulen wesentlich besser gefördert wurden, dass sie beim Übergang auf das nachschulische Leben wesentlich mehr Möglichkeiten hatten bezüglich Erwerbstätigkeit am ersten Arbeitsmarkt oder Fortsetzung der Bildungskarriere an Universitäten oder Fachhochschulen.

Die Lernprozesse werden ganz anders beschrieben, die in Regelschulen sind, als jenen gegenüber in Sonderschulen, die eher als stark therapeutisch und auch von ehemaligen SonderschülerInnen im Nachhinein sehr, sehr häufig als verdummend erachtet und bezeichnet werden.

Also ich denke, die Vorteile liegen auf der Hand, man kann von seinen Peers lernen, man wird nicht besondert, also Sonderschüler oder der oder die, die zur Sonderschule geht, das ist ja auch gesellschaftlich ein sogenanntes Stigma, das heißt, dass die Personen darüber eher so besondert werden, dass negative Zuschreibungen darüber erfolgen, dass das eigentlich keine starke Position ist. Das geschieht in Regelschulen nicht, sondern man besucht einfach so wie alle anderen SchülerInnen beziehungsweise Kinder aus der Nachbarschaft auch eine Regelschule, man hat andere Lernprozesse.

Und das würde ich sagen sind so von dem, was wir jetzt auch aus den Daten wissen, sind die Vorteile von einem Besuch von einer Regelschule, dass ich andere Lernprozesse habe, ermächtigendere Lernprozesse habe und dass ich auch beim Übergang nach der Schule wesentlich mehr Optionen habe, ganz, ganz andere Rollenbilder, Vorbilder auch habe als ich das jetzt zum Beispiel in Sonderschulen habe.

Katharina Müllebner: Es gab ja einen Rechnungshofbericht zum inklusiven Unterricht können Sie für uns genauer darauf eingehen, was dieser Rechnungshofbericht kritisiert hat?

Tobias Buchner: Der Rechnungshof hat kritisiert, dass das Bildungsministerium und alle politischen EntscheidungsträgerInnen, dass die es nicht geschafft haben, trotz der klaren Vorgaben der UN-Konvention, die sagt, dass Österreich ein inklusives Bildungssystem schaffen muss, dass es kein übergreifendes Konzept zur Umsetzung inklusiver Bildung gibt.

Es gab diese Initiative mit den Modellregionen, aber es wurde auch hier kritisiert, dass das nur eben halt in drei Bundesländern bis jetzt stattgefunden hat, nicht in den anderen. Und dass auch Inklusion überwiegend angedacht wurde für den Pflichtschulbereich, also für Volksschule, Sekundarstufe 1, dass Inklusion kaum umgesetzt wird an Gymnasien, an höheren Schulen, also auch in der Sekundarstufe 2 und schon mal gar nicht, also sehr, sehr schwierig auch, wir sprechen jetzt gar nicht von tertiärer Bildung im Sinne von Fachhochschulen und Universitäten.

Hier zeigt sich auch so eine fähigkeitsbasierte Unterteilung, also so dieses unterstützte Studieren oder Teilhabe, in den Genuss von Bildung an Fachhochschulen und Universitäten kommen, wenn überhaupt, Personen in der Regel mit einer Körperbehinderung oder einer Sinnesbehinderung. Personen mit Lernschwierigkeiten ist der Zugang diesbezüglich komplett verwehrt.

[Überleitungsmusik]

Katharina Müllebner: Wir sprechen jetzt mit Sonja Hammerschmid. Nationalratsabgeordnete und Bildungssprecherin der SPÖ. Außerdem war sie 2016 bis 2017 Bundesministerin für Bildung.

Katharina Müllebner: Frau Hammerschmid Sie haben Kritik an den Plänen der Regierung geäußert, die Sonderschulen aufrecht zu erhalten. Wie sieht es Ihrer Meinung nach mit der Zukunft der Sonderschule hier in Österreich aus?

Sonja Hammerschmid: Mein Zielbild, als ehemalige Bundesministerin für Bildung, war immer ein inklusives Schulsystem.

Also, wo wirklich alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden, weil ich der vollkommenen Überzeugung bin, dass nur dann es gelingt, Kinder mit gewissen Herausforderungen, besonderen Bedürfnissen, voll in die Gesellschaft auch zu integrieren.

Und jedes Kind hat seine Talente, jedes Kind hat seine Potenziale. Und es ist ganz, ganz wichtig, alle Kinder gemeinsam zu unterstützen und genau diese Talente und Potenziale herauszuholen und zu fördern.

Katharina Müllebner: Was sind Ihrer Meinung nach Gründe, dass immer noch an dem Modell der Sonderschule festgehalten wird?

Sonja Hammerschmid: Ich habe sehr oft Eltern getroffen, die schon Angst haben. Die konnten sich eine inklusive Schule nicht vorstellen und diese Angst der Eltern, die ja nur das Beste für ihr Kind wollen, die ist ernst zu nehmen.

Darum ist es ganz, ganz wichtig, dass man diesen Eltern Schulen zeigt, wo inklusive Bildung ganz besonders gut auch funktioniert. Und für mich war eine besondere Schule, wo das gut funktioniert, zum Beispiel jene am Himmel. Hier hat man die Sonderschule ja geöffnet, in eine Regelschule übergeführt, wo alle Kinder gemeinsam auch unterrichtet werden; wo es aber auch Freiräume gibt für Kinder mit besonderen Bedürfnissen, mit Behinderungen, sich auch ein Stück weit zurückzuziehen, aus dem Unterricht wieder rauszunehmen, aber dann auch wieder in die Klasse zu gehen.

Da kann Pädagogik besonders gut gelingen. In Oberösterreich haben wir auch solche Schulen, da gibt es ja auch Schulversuche seit vielen Jahren, wo an Sonderschulen Klassen angegliedert sind, Regelklassen von Volksschulen angegliedert sind; wo sich diese Kinder mischen und gemeinsam auch wieder unterrichtet werden.

Und, das sind für mich so Beispiele in Österreich, wie inklusive Bildung gut gelingen kann und das muss man den Eltern zeigen.

Wenn man nach Südtirol schaut, und ich war selbst in Südtirol, dann kann man das sehr, sehr schön sehen und auch die Erfahrung von 40 Jahren inklusiver Schule sehr authentisch auch erleben.

Denn dort ist es völlig normal, dass alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden; und es ist völlig normal, dass diese Kinder – auch behinderte Kinder – anschließend in der normalen Arbeitswelt auch Fuß fassen können, weil sie immer Teil der Gesellschaft waren, weil sie immer Teil auch der Schule waren, des Bildungssystems und entsprechend auch Unterstützung gefunden haben.

Davon können wir lernen, davon müssen wir lernen und so können wir… Und jetzt ist Südtirol nicht so weit weg – was hinterm Brenner funktioniert sollte auch vor dem Brenner funktionieren. Davon können wir lernen und das sollten wir möglichst schnell in alle Bundesländer und in alle Schulen auch übertragen.

Katharina Müllebner: Ist eine Abschaffung der Sonderschule überhaupt denkbar? Beziehungsweise, was müsste passieren, damit Sonderschulen abgeschafft werden können?

Sonja Hammerschmid: Es ist eine schrittweise Überführung der Sonderschulen in Regelschulen absolut machbar und denkbar.

Es braucht konsequentes Handeln seitens der Politik, insbesondere des Bildungsministeriums dazu. Und es braucht diese schrittweise Überführung mit einem sehr hohen pädagogischen Anspruch. Denn, es muss natürlich gelingen, diese Kinder bestmöglich in der Regelschule dann aufzunehmen.

Sie müssen ja schon besonders betreut auch werden. Es braucht auch sehr viel sonderpädagogisches Know-how der Lehrerinnen und Lehrer.

Es braucht diesen Mix an Pädagogik schlichtweg und auch darauf müssen sich ja Schulen einstellen können.

Das geht nicht von heute auf Morgen, das braucht Zeit. Aber man muss den Druck erhöhen, dass immer mehr Schulen inklusive Schulen werden und entsprechend begleitet werden in der Umstellung. Und wir haben ja drei Modellregionen in Österreich: in der Steiermark, in Kärnten und in Tirol. Und gerade Kärnten ist ein Bundesland, wo man sehen kann, wie es gelingen kann. Denn wir haben hier schon über, also weit über 80 Prozent, fast 90 Prozent der Schulen sind inklusive Schulen. Wir haben da nur mehr ganz, ganz wenige Sonderschulen.

Katharina Müllebner: Können Sie uns erklären, was Modellregionen sind?

Sonja Hammerschmid: Modellregionen sind für uns Regionen gewesen, wo man wirklich die Sonderschulen hat auslaufen lassen und versucht hat, Sonderpädagogik an ganz normalen Volksschulen, Neuen Mittelschulen, Polytechnischen Schulen zu leben und die Schulen darauf umzustellen, dass hier wirklich alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Und wo Sonderpädagoginnen und -pädagogen mit Lehrerinnen und Lehrern gemeinsam auch unterrichten.

Diese drei Modellregionen gibt es, von denen müssen wir lernen. Und, diese Modellregionen müssen bis 2020 auch evaluiert werden. Das heißt, man wird sehr genau hinschauen müssen, was funktioniert und was funktioniert weniger gut, um dann aus diesen Erfahrungen zu lernen und am besten ganz Österreich umzustellen auf ein inklusives Schulsystem.

Katharina Müllebner: Was macht Ihrer Meinung nach eine inklusive Schule aus?

Sonja Hammerschmid: Eine inklusive Schule macht aus, dass das Gemeinsame in den Vordergrund gestellt wird, dass wirklich alle Kinder gemeinsam auch unterrichtet werden, gefördert werden, auch gefordert werden. Und dass man die Talente und Potenziale eines jeden Kindes in den Mittelpunkt stellt und die Kultur natürlich auch eine andere ist.

Hier muss man sich auf jedes Kind wirklich sehr individuell auch einstellen, sehr individuell auch konzentrieren und das gelebte Miteinander wird für den Erfolg an dieser Schule ausschlaggebend sein.

Katharina Müllebner: Wie sieht es mit Inklusion in der höheren Bildung aus, wie zum Beispiel im Gymnasium oder auch an der Universität?

Sonja Hammerschmid: Mit dem Thema Inklusion in der höheren Bildung? Ja, da haben wir sicher noch Nachholbedarf. Das steht völlig außer Frage.

Es gibt schon Möglichkeiten für körperbehinderte Menschen in der Sekundarstufe 2, also sprich 14 bis 18, Schulen zu besuchen; das geht schon noch. Wo wir aber Möglichkeiten schaffen müssen, und das kann man von Südtirol auch lernen, ist hier mit einem eigenen Lehrplan auch behinderte Menschen bis zum Matura zu ziehen; aber halt entlang dieses speziellen Lehrplans, der auf die Potenziale dieser Kinder und dieser jungen Menschen auch eingestellt und abgestellt ist. Das fehlt uns noch ein großes Stück weit.

Das ist auch eine Kritik, die seitens des Rechnungshofes beispielsweise erst jüngst gekommen ist.

Und an der Universität versuchen wir uns halt immer stärker auf Körperbehinderungen naturgemäß einzustellen. Das ist ganz klar. Aber auch da haben wir noch viel zu tun.

Denn, wenn Sie die österreichischen Universitäten kennen, dann wissen Sie, dass sie ganz oft in alten, schönen Gebäuden sitzen aber mit der Barrierefreiheit ist es natürlich dann auch noch so eine Sache. Das heißt, hier gilt es viel nachzurüsten noch und Barrierefreiheit wirklich flächendeckend zu implementieren und auszugestalten.

Katharina Müllebner: Sie waren von 2016 bis 2017 selbst Bundesministerin für Bildung? Was konnten Sie in dieser Zeit im Bereich Inklusion erreichen?

Sonja Hammerschmid: Was ich erreichen konnte, was die jetzige Regierung schon wieder dabei ist, zu negieren, ist, dass wir im Ausbau der ganztägigen Schulen sehr, sehr viel Wert darauf gelegt haben, dass dieser Ausbau der ganztägigen Schulen inklusive Schulen sind.

Das war eine der Bedingungen in den Richtlinien, dass Inklusion wirklich großgeschrieben wird.

Alles, was hier neu gebaut wird und auch an Klassen an ganztägigen Schulen geschaffen wird, dass hier die Inklusion ein großes Thema ist. Das war eines der zentralen Kriterien.

Ich habe in meiner Zeit – in diesen wenigen Monaten, es waren ja nur eineinhalb Jahre – versucht mit den Betroffenen sehr viel auch zu sprechen und daraus zu lernen.

Aber, mein Ziel wäre einfach gewesen, diese Modellregionen wirklich zu nutzen, aus ihnen zu lernen und bis 2020 einfach einen Umsetzungsplan für die Gesamtausrollung vorzulegen. Dazu bin ich leider nicht mehr gekommen.

Katharina Müllebner: Hätten Sie eine Botschaft an Ihren Nachfolger, Bundesminister Faßmann?

Sonja Hammerschmid: Ja, hätte ich schon: Ich empfehle meinem Nachfolger, nach Südtirol zu reisen und sich dort ein inklusives Schulsystem, das seit 40 Jahren praktiziert wird, anzuschauen und vor allem, mit den Menschen und den Betroffenen zu sprechen.

Was ich dort erleben durfte, werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen, weil man sehr schön sehen konnte, welche Chancen sich diesen Menschen plötzlich eröffnet haben, wenn sie in eine Regelschule gegangen sind.

Er braucht da vielleicht gar nicht so weit fahren. Er braucht eigentlich nur nach Reutte fahren, denn der Bezirk Reutte ist auch völlig sonderschulfrei. Und auch dort ist inklusive Schule ein großes Thema und auch dort gibt es für die Absolventinnen dieser Schulen besondere Unterstützung; auch, um in den regulären Arbeitsmarkt reinzukommen, Arbeitsplätze zu finden. Das ist wirklich gelebte Inklusion.

Er soll es sich mal anschauen und dann überlegen, wie die weiteren Schritte ausschauen. Ich glaube, der Weg ist sehr, sehr klar, wenn man diese Erfahrungen gesehen hat.

[Überleitungsmusik]

Katharina Müllebner: Ein Beispiel wie dafür, wie Inklusion funktionieren kann, ist die Caritasschule „Am Himmel“. Es war früher eine Schule allein für Menschen mit schweren Behinderungen. 2015 wurde diese Schule aber in eine Inklusionsschule umgewandelt. Wir haben mit Andrea Rieger, Leiterin der Schule „Am Himmel“, über diese Entwicklung gesprochen.

Katharina Müllebner: Frau Rieger, warum wurde die Schule „Am Himmel“ in eine Inklusionsschule umgewandelt?

Andrea Rieger: Diese Entwicklung gab es, weil die Caritas sich entschieden hat, dass die Caritas an und für sich ja eine Institution für alle Menschen ist und auch die Schule diesbezüglich öffnen wollte. Daher wurde aus einer Schule für Menschen mit Behinderungen und Schwerstbehinderungen eine Schule für alle Menschen.

Katharina Müllebner: Wie waren eigentlich die Reaktionen auf diese Umstellung des Schulsystems bei Ihnen?

Andrea Rieger: Sehr, sehr unterschiedlich. Sehr positiv aber auch sehr – negativ ist vielleicht das falsche Wort, aber sehr mit Angst behaftete Reaktionen; vor allem der Eltern, die ihre Kinder und Jugendlichen ja an einem sehr guten Platz gewusst haben und das nicht verändert haben wollten.

Katharina Müllebner: Einige dieser Reaktionen, die ja auch negativ waren, haben es sogar bis in die Zeitungen geschafft? Da war ja viel Verunsicherung dabei, wie ist diese Verunsicherung zu erklären?

Andrea Rieger: Zu erklären ist es sehr einfach: Die Kinder und Jugendlichen, die mit ihren Eltern „Am Himmel „einen guten Platz gefunden haben, hatten ja schon eine Geschichte, einen Rucksack sozusagen, der Integration an Wiener Schulen und die ist nicht immer gut gelaufen, diese Geschichte.

Jetzt hat man einen sehr guten Platz gehabt, hat gute Erfahrungen gemacht, war gut aufgehoben und plötzlich sollte alles wieder anders sein. Und das „Anders“ war anfänglich noch nicht gut definiert. Und daher auch viele Ängste vonseiten der Eltern aber auch der PädagogInnen, die dann plötzlich auch anders hätten arbeiten sollen.

Das Hauptargument der Eltern war, dass es einen sehr guten Betreuungsschlüssel gegeben hat. Und die Befürchtung war, dass, wenn Kinder ohne Behinderung kommen, dass dieser Betreuungschlüssel sich dann auch ändert. Und, dass es zu einer Überforderung ihrer Kinder durch die anderen Kinder auch kommt.

Katharina Müllebner: Die Umstellung ist jetzt schon drei Jahre her. Wenn Sie zurückblicken, wie sehen Sie diese drei Jahre, wie sind die verlaufen?

Andrea Rieger: Ich würde es nie wieder anders machen. Es ist ein schöner Ort für alle Menschen geworden. Es ist ein schönes Miteinander geworden, mit den Kindern und Jugendlichen, mit den Eltern und mit den Pädagoginnen.

Katharina Müllebner: Könnten Sie uns bitte etwas Genaueres über Ihre Schule erzählen?

Andrea Rieger: Unsere Schule hat derzeit 100 Kinder. Wir arbeiten nach dem Lehrplan der Volksschule, nach dem Lehrplan der allgemeinen Sonderschule und nach dem Lehrplan für Menschen mit Behinderung, und auch nach dem Lehrplan der neuen Mittelschule.

Wir haben in unserer Schule nur Mehrstufenklassen.

Wir arbeiten nur in sogenannten Integrationssettings. Das Wort ist kein schönes. Das heißt einfach, dass alle Menschen sich in dieser Klasse, in dieser Gruppe, in der sie sind, wohl fühlen; sie bestmöglich betreut und begleitet werden können und sich selbst bestmöglich entwickeln können.

Katharina Müllebner: Was ist eine Mehrstufenklasse?

Andrea Rieger: Eine Mehrstufenklasse beinhaltete Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters, aber auch unterschiedlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Das heißt, es kann eine Klasse, eine Gruppe, zum Beispiel aus Kindern und Jugendlichen zwischen sieben und neun bestehen, sieben und neun Jahren bestehen. Derzeit ist es so, dass wir sogar Elf- und Zwölfjährige in dieser Gruppe haben.

Katharina Müllebner: Könnten sie uns etwas über das Konzept und das Leitbild ihrer Schule erzählen und welche Klassenformen gibt es genau?

Andrea Rieger: Also, das Konzept und das Leitbild ist definitiv ein Kind- und jugendzentriertes Arbeiten. Bei uns steht nicht eine Förderstufe oder ein Behinderungsgrad im Vordergrund; sondern der Mensch, das junge Wesen, das wir begleiten dürfen. Dementsprechend werden alle unsere Kinder und Jugendlichen individuell begleitet.

Wir haben sogenannte Teilarbeitspläne. Das ist ein wesentlicher Fakt bei uns in den Klassen und Gruppen. Teilarbeitspläne sind Pläne, die aus dem österreichischen Lehrplan kommen.

Das heißt, wir haben alle Anforderungen aller österreichischen Lehrpläne in Teile zerteilt und haben daraus Pläne gemacht an denen die Kinder sehr, sehr individuell arbeiten – zeitlich, aber auch umfangmäßig.

Katharina Müllebner: Sie unterrichten ja Kinder mit unterschiedlichen Förderbedarf, wie wird da der Lernstoff vermittelt?

Andrea Rieger: Durch einerseits Kleingruppen, wo Kinder, die an denselben Dingen arbeiten in einer Gruppe zusammengefasst werden und mit ihnen eins-zu-eins oder fünf-zu-eins gearbeitet wird.

Sie arbeiten auch teilweise sehr, sehr selbstständig. Das heißt, es gibt dann ein bis zwei Erwachsene, Lernbegleiterinnen, wie wir sie nennen, die die Kinder in einer Selbsterarbeitungs- oder in einer Übungsphase begleiten.

Wir legen auch sehr viel Wert darauf, dass die Kinder sich gegenseitig unterstützen. Das heißt, wir haben Kinder und Jugendliche, die etwas schon gut können und mit denen, die es sich gerade erarbeiten, zusammenarbeiten.

Katharina Müllebner: Was sind aus ihrer Sicht die Vorteile einer inklusiven Schule?

Andrea Rieger: Die Vorteile sind, dass diese Schule das Leben widerspiegelt. Wir sind eine ganz bunte Gesellschaft. Und, Inklusion für mich heißt, sobald zwei oder drei Menschen in einem Raum sind, sind wir inklusiv; weil wir alle unterschiedliche Bedürfnisse haben und alle unterschiedliche Geschichten haben.

Und, das ist für mich der Vorteil an unserer Schule, dass wir diese Buntheit leben dürfen.

Katharina Müllebner: Wenn das so einfach ist, warum macht das Ihre Schule und viele andere Schulen nicht?

Andrea Rieger:Ich glaube, es braucht ein bisschen Mut. Es brauch sehr viel Intuition. Es braucht manchmal auch ein Zurückstecken der eigenen Ziele, weil die Ziele definieren die Lernenden. Und das ist etwas, wo Pädagoginnen, Lernbegleiterinnen sich oft selbst im Weg stehen.

Auch die Offenheit ist sehr, sehr wichtig; der offene Zugang zu den Menschen.

Und, vielleicht ist das der Hinderungsgrund für andere Schulen.

Katharina Müllebner: Aus ihrer Erfahrung heraus, was sind die Voraussetzungen für das Gelingen von Inklusion?

Andrea Rieger: Das Gelingen von Inklusion hängt sehr viel ab vom genauen Hinschauen. Man muss wirklich genau hinschauen, um die Bedürfnisse der einzelnen Kinder und Jugendlichen, in unserem Fall, erkennen zu können.

Inklusion ist etwas, das langsam wächst, das viel Geduld braucht und das ein konstantes veränderndes System erfordert.

Katharina Müllebner: Wie stehen Sie generelle eigentlich zu Abschaffung der Sonderschulen?

Andrea Rieger: Ich sage ja zur Abschaffung der Sonderschulen, so wie sie derzeit organisiert sind.

Ich sage aber auch ein großes ja zum Nachdenken, wie das Setting im schulischen Bereich aussehen kann und muss, damit alle Kinder und Jugendlichen gut und bestmöglich ihre Zeit gestalten können.

Katharina Müllebner: Und halten Sie das in Zukunft für möglich?

Andrea Rieger: Nein, da die politische Lage es derzeit, glaube ich, nicht zulässt.

Aber ich weiß auch, dass es viele Menschen gibt, die genau das im Auge haben, dass es solche Schulen, vielleicht nicht in naher Zukunft, aber in Zukunft geben wird.

[Überleitungsmusik]

Katharina Müllebner: Der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen ist der Schlüssel für eine inklusive Gesellschaft und das gemeinsame Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderungen.

Alle Kinder haben das Recht auf gute Aus- und Weiterbildung, die ihnen die bestmöglichsten Chancen im Leben sichert. Sie haben auch das Recht auf das Lernen im gemeinsamen und vielfältigen Klassenverband.

Sie hörten „Inklusion in der Schule“ aus der BIZEPS-Sendereihe barrierefrei-aufgerollt.

Alle Informationen zu dieser Sendung finden Sie auf www.barrierefrei-aufgerollt.at.

Sie hörten diese Sendung auf Radio ORANGE 94.0.

Es verabschiedet sich ihr Redaktionsteam Katharina Müllebner, Markus Ladstätter und Martin Ladstätter!

[Musik barrierefrei aufgerollt kurz, kompakt und leicht verständlich]
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